Wie OPSTAPJE Leben verändert

Wie OPSTAPJE das Leben einer Frau verändert hat

Von den Programmen der IMPULS-Stiftung profitieren nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Eltern. Besonders deutlich sieht man das bei Melek Cilingir. Melek ist 37 Jahre alt und stammt aus Samsun, einer türkischen Großstadt am Schwarzen Meer. Direkt nach dem Abitur, mit 19 Jahren, heiratete sie den Cousin ihrer Mutter. Er war so alt wie sie. Aber die beiden kannten sich kaum. Der Bräutigam war in Hanau bei Frankfurt aufgewachsen. „Bei der Hochzeit habe ich gedacht, jetzt muss ich aufhören zu lernen. Meine eigenen Wünsche habe ich damals in eine Kiste gepackt und weggesperrt. Erst der OPSTAPJE-Kurs hat mit Mut gemacht, diese Kiste zu öffnen.“

Melek trägt ein türkisfarbenes Kopftuch und hat mit Kajal geränderte, dunkle Augen. Ihre Söhne sind neun und 16 Jahre alt. Als der jüngere, Kerem,  ein Jahr alt war, erzählte ihr eine türkische Freundin von OPSTAPJE. Der Kurs war für Melek die Rettung. Er war der Anstoß, ihr Leben neu zu ordnen, sich selbst wieder wichtig zu nehmen und sich Ziele zu setzen. Bis dahin hatte sie ihre Tage überwiegend zu Hause mit dem älteren Sohn verbracht. Ihre Hausbesucherin, mit der sie noch heute Kontakt hat, kennt die Lage von Frauen wie Melek gut: „Sie heiraten nach Deutschland und denken, sie kommen ins Paradies. Stattdessen sitzen sie in einer kleinen Wohnung, verstehen die Sprache  nicht und vermissen ihre Familie und die Freunde.“  So ging es auch Melek. Ein erster Sprachkurs beim Internationalen Bund direkt nach ihrer Ankunft führte nicht dazu, dass sie sich auf Deutsch unterhalten konnte. Sie hatte Heimweh und lernte nur langsam neue Freundinnen kennen. Ihr Mann, Automechaniker von Beruf, arbeitete viel. Eine gewisse Traurigkeit über diese einsamen Jahre klingt noch heute in ihrer Schilderung über diese Zeit mit.

Die Kurse stärken das Selbstbewusstsein

Im Jahr 2006 begann sie mit dem OPSTAPJE-Kurs. „Mein Selbstbewusstsein wuchs“, sagt sie. „Frau Franke hat uns erzählt, dass wir als Mütter einen sehr wichtigen Beruf ausüben. Wir kochen nicht nur und räumen auf, sondern wir erziehen und fördern unsere Kinder.“ Frau Franke ist die Leiterin  der Familien- und Jugendberatung der Stadt Hanau. Sie hat OPSTAPJE und HIPPY in ihre Stadt geholt. Und sie hat den teilnehmenden Frauen vermittelt, dass die liebevolle, aufmerksame Erziehung ihrer Kinder in den ersten Lebensjahren das wichtigste ist, was sie ihnen schenken können.

Einen so wertschätzenden Umgang hatten viele der Frauen lange nicht erlebt. Ihre Aufgabe war es,  zu Hause Mann und Kinder zu versorgen - aber niemand sorgte sich um sie. Das ging auch Melek Cilingir so. Sie erzählt: „Als der OPSTAPJE-Kurs anfing, wurde ein schönes Essen für uns vorbereitet. Da wussten wir Frauen: ‚Wir sind wichtig‘.“ Über Erziehung wusste Melek bis dahin nicht viel. „Ich dachte, es reicht, wenn die Kinder zu essen haben und sauber gekleidet sind.“ Von ihrer Hausbesucherin lernte sie, wie wichtig es ist,  regelmäßig mit dem Kind zu spielen, zu sprechen, es dabei anzuschauen, sich für es Zeit zu nehmen. Im Kurs lernte sie Lieder, um mit ihm zu singen. Sie bekam Bücher, um ihm vorzulesen, und viele Spielideen sowie einfacher Materialien dazu.

Der OPSTAPJE-Kurs bot Melek wertvolle Anregungen. Sie hat sie geradezu aufgesaugt.  Noch heute bewahrt sie die zwei großen Aktenordner mit den Unterlagen von OPSTAPJE und  HIPPY bei sich zu Hause auf.  „lch war sehr neugierig und habe alles ganz genau gelesen, auch auf Deutsch“, erzählt sie. Kerem haben beide Programme sehr genützt. „Er kommt in der Schule viel besser zurecht als sein großer Bruder. Er kann sich besser konzentrieren, seine Feinmotorik ist besser und auch sein Wortschatz ist umfangreicher.“ Kerem geht in die 3. Klasse der Grundschule und wird wohl auf die Realschule gehen. Sein Bruder besucht die 8. Klasse der Hauptschule.

Plötzlich wollte auch die Mutter mehr

Im Laufe des Kurses stellte sich heraus, dass Melek selbst auch wieder lernen wollte. „Ich habe gemerkt: Ich bin intelligent, ich kann mehr.“ Frau Franke half ihr, passende Deutschkurse in der Volkshochschule zu finden.  Dort hat sich Melek hochgearbeitet bis zum Niveau C1, das ist die vorletzte von sechs Stufen des Goethe-Instituts. Sie wollte gerne Arzthelferin oder Krankenschwester werden - aber sie bekam nur Absagen. Sie machte ein Praktikum bei einer Ergotherapeutin. Aber auch ihre Bewerbungen auf eine Ausbildung in Ergotherapie blieben erfolglos. „Das war hart für mich“, sagt Melek. Ihr türkisches Abitur wurde hier nicht anerkannt. Für ein Studium in Deutschland hätte sie erst noch ein Studienkolleg zur Vorbereitung besuchen müssen.

Mit dieser Erfahrung steht sie nicht allein. Für viele Migrantinnen ist es schwer, auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu bestehen. Eine Freundin von Melek trennte sich von ihrem Mann und machte in der Türkei eine Ausbildung zur Krankenschwester. Sie blieb dort. Die meisten Frauen aus Meleks Kurs arbeiten heute als Reinigungskräfte. Eine verkauft Brot, eine andere hat ein Nagelstudio eröffnet. „Der Weg in einen Ausbildungsberuf in Deutschland ist sehr lang, denn viele Frauen sind in ihrer Heimat nur fünf Jahre lang zur Grundschule gegangen und müssten hier erst den Hauptschulabschluss machen“, sagte Frau Franke.

Den Bachelor hat sie bald, dann soll ein Master folgen

Melek ging einen anderen Weg: Sie entschied sich für ein Fernstudium in Soziologie an der Universität ihrer Heimatstadt. Mit dem Bachelor ist sie bald fertig. Dann will sie einen Master in Psychologie draufsatteln. Dafür muss sie für ein Jahr nach Samsun. Erst war ihr Mann dagegen. Doch inzwischen steht fest: Ihre Familie wird sie begleiten. „Mein Mann findet dort auch Arbeit, und meine Kinder sind begeistert. Sie lieben Samsun, das Meer, die Verwandten dort.“ Ihr Traum ist es, später in Samsun als Psychologin zu arbeiten. Auch für ihre Söhne, die fließend Deutsch und Türkisch sprechen, sieht sie dort gute berufliche Chancen, etwa im Tourismus.

So hat OPSTAPJE nicht nur Kerem geholfen, sondern auch Melek. Aus einer unglücklichen Import-Braut wurde eine Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. „Melek“ bedeutet „Engel“. Und wer weiß, vielleicht wird Melek Cilingir ein Engel für andere Frauen. Zum Beispiel für solche, die in einer ähnlichen Lage sind wie sie damals,  bevor sie ihren OPSTAPJE-Kurs begann.

Uta Rasche