Mit Bilderbuch und Holztieren

Özlem Hallacioglu bekommt Besuch. Von einer Deutschen. Jede zweite Woche, bei sich zu Hause. Melanie Kießhauer will der 33 Jahre alten Türkin zeigen, wie sie ihre Tochter so fördern kann, dass das Kind später in der Schule keine Probleme haben wird. Sie ist Mitarbeiterin des Programms OPSTAPJE („Schritt für Schritt“), das das Jugendamt Hanau Migrantenfamilien anbietet, deren Kinder keine Kita besuchen.

Die zwei Jahre alte Ela, ein pausbäckiger Wirbelwind, hat noch einen älteren Bruder. Der ist acht Jahre alt. Als er geboren wurde, war seine Mutter gerade erst seit einem Jahr in Deutschland. Sie kannte nur ihre türkische Nachbarin in dem Mehrfamilienhaus und sprach kaum Deutsch.

Das hat sich geändert. "Jetzt habe ich viele Freundinnen", sagt Özlem Hallacioglu. Durch die Gruppentreffen, die Bestandteil von OPSTAPJE sind, hat sie die Stadtbücherei und das Familienzentrum kennengelernt. Auch hat sie keine Angst mehr, Behördengänge zu erledigen. „Ohne Deutsch kein Leben.“

Eine Mutter zu haben, die sich auskennt, ist auch für Ela von Vorteil. Denn eigentlich gilt OPSTAPJE ihr: In dem 18 Monate dauernden Hausbesuchsprogramm bekommen die Mütter Anregungen für Spiele und Aktivitäten mit ihren Kindern. Das soll Elas sprachliche und kognitive Fähigkeiten verbessern. In der OPSTAPJE-Kindergruppe lernt sie, sich zeitweise von ihrer Mutter zu trennen. Das wird ihr helfen, wenn sie mit drei Jahren in den Kindergarten gehen soll. Angemeldet ist sie schon.

Jeden Tag zehn Minuten spielerisch mit dem Kind sprechen

Heute hat Melanie Kießhauer einen Beutel voller Tiere aus hellem Holz mitgebracht: eine Katze, ein Schaf, ein Schwein, ein Hund, ein Pferd, ein Hahn. Ela stürmt auf sie zu und will den Beutel gleich ausschütten. Melanie Kießhauer bremst sie. Sie setzt sich mit ihr auf den Boden, zeigt Ela die Tiere nacheinander, benennt diese und macht deren Geräusche vor. Elas Mutter bekommt ein DIN-A4-Blatt aus festem Papier, auf dem die Namen der Tiere auf Deutsch stehen. Ihre Aufgabe für die kommende Woche ist: Sie soll jeden Tag zehn Minuten mit Ela mit den Tieren spielen und die Wörter üben, am besten in ganzen Sätzen. Das Blatt kommt in einen dicken Ordner, in dem schon viele andere Blätter abgeheftet sind: Lieder, Fingerspiele, Rezepte für selbstgemachte Knete, Ideen für Rhythmus-Spiele mit Töpfen und Schüsseln oder für Wasserspiele mit Papierschiffchen, Steinen und Holzstückchen in der Kinderbadewanne.

Ziel ist, dass die Mutter mehr mit ihrem Kind redet. Sie sollen dessen Handlungen in Worte fassen. Sie soll auch ihr eigenes Handeln beschreiben und dem Kind Fragen stellen. Die Mutter soll jede Kontaktaufnahme des Kindes erwidern, es zum Forschen und Aktivsein anregen. Die zentralen Botschaften des Programms sind: "Höre auf dein Kind!", "Sprich mit deinem Kind!", "Ermuntere dein Kind!", "Schau dein Kind an!" und "Unterstütze dein Kind!"

Die Verantwortlichen der einzelnen Projektstandorte von OPSTAPJE müssen sich selbst um die Finanzierung der Hausbesuche und der Gruppentreffen kümmern. Manchmal, wie in Hanau, übernimmt die Kommune die Kosten, manchmal eine Stiftung. 4000 Familien wurden bisher in ganz Deutschland nach dem OPSTAPJE-Prinzip gefördert. Die Wirksamkeit wurde wissenschaftlich untersucht. So stellte das Deutsche Jugendinstitut im Jahr 2005 fest, dass entwicklungsverzögerte Kinder ihren Rückstand während des 18 Monate dauernden Programms zumeist aufholen konnten. Die Spielfreude der Kinder und ihre Ausdauer hätten zugenommen. Das Sozialverhalten und die Regulation von Emotionen hätten sich gerade bei zuvor auffälligen Kindern verbessert.

Mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit

Die Eltern berichteten, dass durch die Anregungen zu Spielen und Dialogen die Atmosphäre in der ganzen Familie heiterer geworden sei. Die Kinder erlebten mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit. Das Vorlesen und das Erzählen von Geschichten hatten in den Familien an Bedeutung gewonnen.

Der Psychologe Peter Zimmermann von der Universität Regensburg, der OPSTAPJE ebenfalls untersucht hatte, bestätigte diese positiven Ergebnisse. Allerdings relativierte er sie aber auch: Seiner Beobachtung nach stellten sie sich nur dort ein, wo es gelang, die Förderung des Kindes auch nach dem Programmende fortzusetzen. Dann steige sogar der IQ des Kindes.

OPSTAPJE kostet Geld. Aber gemessen an dem, was es kostet, wenn Kinder keinen Schulabschluss machen, ist es wenig. 50.000 Euro zahlt die Stadt Hanau von Januar 2014 bis Juni 2015, damit drei Hausbesucherinnen 28 Familien betreuen können. Hanau organisiert schon den fünften OPSTAPJE- und den vierten HIPPY-Durchgang. Und die Erfahrungen sind gut.

„Wir hatten vorher nur bildungsinteressierte, deutsche Familien in Kursen wie Babymassage und Pekip. Aber Migranten und sozial Schwache, die von den Anregungen am stärksten profitieren würden, erreichten wir mit den klassischen Angeboten der Familienbildung nicht“, sagt Ruth Franke vom Jugendamt der Stadt Hanau.

Anspruchsvolles Förderprinzip

Diese Schwierigkeiten kennen auch andere. Weil es mit dem Programm OPSTAPJE besonders gut gelingt, bildungsferne Familien zu erreichen, wird es finanziell unterstützt. Zum Beispiel von der gemeinnützigen Auridis GmbH mit Sitz in Neuss, die zur Unternehmensgruppe Aldi Süd gehört. Das Förderprinzip von Auridis ist anspruchsvoll und verlangt den Geförderten einiges ab. So bekommen sie nicht einfach Geld, sondern verpflichten sich im Gegenzug, ein Controlling einzuführen und einen Businessplan zu erarbeiten, aus dem hervorgeht, innerhalb wie vieler Jahre sie wirtschaftlich selbständig sein werden. Dafür finanziert Auridis auch die Dienste einer Unternehmensberatung. Wenn das selbständige Wirtschaften funktioniert, zieht sich Auridis zurück und wendet sich einem anderen Sozialunternehmen zu.

Anfangs wurde OPSTAPJE über einen in Bremen ansässigen Verein deutschlandweit verbreitet. Dieser hat sich mit Hilfe von Auridis in eine gemeinnützige Stiftung, die IMPULS Deutschland Stiftung e.V., verwandelt. Einnahmen erzielt sie aus dem Verkauf der Materialien an die einzelnen Standorte und aus der Schulung der Mitarbeiter für die Hausbesuche; Ausgaben hat sie zum Beispiel für Management, Öffentlichkeitsarbeit und Personal.

„Kunden“ sind die Kommunen oder andere Stiftungen, die die Projektstandorte gründen und die Betreuung der OPSTAPJE-Familie finanzieren. „Wir denken nun stärker betriebswirtschaftlich“, sagt Geschäftsführer Peter Weber über die Hilfe durch Auridis. „Wir mussten uns allerdings auch kritisch begutachten lassen.“ Noch bis längstens 2018 will Auridis OPSTAPJE fördern.

Hilfe gab es zudem von der „Aktion Mensch“; seit zwei Jahren zählt auch „Deutschland rundet auf“ zu den Förderern der OPSTAPJE-Dachgesellschaft. „Deutschland rundet auf“ organisiert die Sammlung aufgerundeter Cent-Beträge an Kassen von Supermärkten und Handelsketten für soziale Projekte.

Die Familie als zentraler Lernort

OPSTAPJE, das ursprünglich von einer holländischen Stiftung für die dortigen Einwanderer entwickelt wurde, ist für Kinder aus bildungsfernen Familien eine Alternative zum frühen Krippenbesuch. Es macht die Familie zum zentralen Lernort. Das Argument, gerade Kinder aus Migrantenfamilien sollten möglichst früh in die KiTa gehen, um mehr zu lernen, wird durch OPSTAPJE zum Teil entkräftet. Es setzt der Tendenz, Betreuungseinrichtungen als Bildungsinstitutionen und Familien als Verdummungsinstanzen zu betrachten, die Kraft der Eltern entgegen. Denn sie sind die motiviertesten Lehrer ihrer Kinder - nur müssen sie manchmal selbst erst dazu angeleitet werden. Nebenbei ist OPSTAPJE für alle Familien, die teilnehmen wollen, viel günstiger als ein Krippenplatz für jeden Einjährigen.

Und OPSTAPJE hilft nicht nur den Kindern. Es gibt viele Frauen, die über OPSTAPJE merkten, dass sie "mehr können als nur Haushalt". Manche wurden selbst Hausbesucherin, andere machten eine Berufsausbildung. Oftmals hören die Projektkoordinatorinnen dankbare Rückmeldungen, etwa die: „ OPSTAPJE hat unsere ganze Familie verändert." Auch Özlem Hallacioglu hat Pläne für die Zukunft: Wenn Ela im Kindergarten ist, will sie erst einmal den Führerschein machen.

Uta Rasche