Prof. Dr. Klaus Hurrelmann im Interview mit IMPULS

"Wir brauchen eine höhere Qualität bei der frühen Bildung"

Der Soziologe Klaus Hurrelmann gehört zu den renommiertesten Wissenschaftlern seines Faches; er forscht und lehrt er an der Hertie School of Governance, davor war er jahrelang als Professor an der Universität Bielefeld tätig. Im Interview mit IMPULS erklärt er, warum frühe Bildung so wichtig ist, warum gerade Deutschland hier noch großen Nachholbedarf hat und warum Programme wie OPSTAPJE und HIPPY einen echten Unterschied machen können.

Aus zahlreichen Studien wissen wir inzwischen, dass der Bildungserfolg in Deutschland mehr vom Elternhaus abhängt als in vielen anderen OECD-Staaten. Woran liegt das?

Das liegt an unserer Tradition, die Eltern eine dominante Rolle in der Erziehung zuweist und sich so auch im Grundgesetz wiederfindet. So beginnt die Schulpflicht bei uns erst mit sechs Jahren des Kindes; davor waren bis vor kurzem allein die Eltern für die Entwicklung ihres Nachwuchses verantwortlich. Die Halbtagsschule, die es so noch in kaum einem anderen Land der Welt gibt, ist ein weiterer Beleg dafür. Sie signalisiert ganz unmissverständlich: Die Eltern sind zuständig. Wir haben die Weichen in Deutschland entsprechend gestellt, auch unter dem Eindruck der Übergriffe auf die Familie während des Nationalsozialismus. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass das Elternhaus bei uns eine größere Rolle für den Bildungserfolg spielt als in anderen Ländern.

Frühe Bildung gilt als ein Mittel, um hier gegenzusteuern. Wie müsste gezielte Förderung aussehen?

Jedes Kind muss Impulse für die persönliche Entwicklung bekommen, die die Erziehung der Familie sinnvoll ergänzen. Aus der Forschung wissen wir, dass die Kooperation von Elternhaus und Vorschuleinrichtungen, danach dann Elternhaus und Schule, entscheidend ist. Wenn die Eltern als Laienpädagogen und die professionellen Erzieherinnen und Erzieher eng zusammenarbeiten, dann wird etwas daraus. Dann bekommt das Kind zahlreiche, lebendige Impulse – und alle Forschung zeigt: Das ist genau das Richtige.

Wird für die frühe Bildung in Deutschland schon genug getan?

Noch Ende der neunziger Jahre galt Vorschulerziehung und Ganztagsschule nicht nur bei konservativen Eltern als Übel und als Gefahr für die Familie. Die Wende kam erst mit den PISA-Studien, mit diesen vergleichenden Leistungsstudien, die zeigten, dass wir insgesamt nicht gut dastehen und das Elternhaus bei uns so einen dominanten Einfluss auf die Bildungsabschlüsse hat. Seitdem hat das Umdenken und Umsteuern begonnen. Und heute sind wir bei den Vorschulen quantitativ schon sehr gut – mehr als 90 Prozent der Kinder besuchen mittlerweile eine solche Einrichtung und wir haben angefangen, Ganztagesschulen aufzubauen -, im internationalen Vergleich aber ist das alles noch nicht so richtig vorzeigbar. Man merkt einfach, dass wir sehr spät damit angefangen haben.

Was müssten wir nun konkret tun, um weiter aufzuholen?

Wir müssten die Qualität bei der Bildung für Null- bis Dreijährige und dann bei den Kindergartenkindern systematisch weiter verbessern. Das heißt, wir müssen uns die Programme kritisch anschauen, prüfen, ob genug qualifiziertes Personal vorhanden ist, und die Kooperation mit den Elternhäusern vorantreiben. Ihnen Angebote, Beratung und Trainings anbieten. Das Ganze dann auf die Schulen übertragen und einen richtigen Ganztagsbetrieb einführen mit einer echten Rhythmisierung des Alltags. Diese Schritte sind alle eingeleitet, aber es geht alles zu langsam.

Müsste man dafür auch die Position von Erzieherinnen und Erziehern noch stärken? Und wenn ja, wie?

Definitiv. Das gilt für die Bezahlung, aber wir brauchen auch eine viel höherwertige Ausbildung als bisher. Der Anteil derer, die ein Studium haben, sollte Zug um Zug steigen; er liegt derzeit nur bei etwa zehn Prozent. Da sollten wir in den nächsten zehn Jahren auf mindestens dreißig Prozent kommen.

Eltern sind ganz wichtige Entwicklungshelfer ihrer Kinder. Wie könnte man sie noch besser für die Elternschaft befähigen?

Elternsein ist heute in der Tat eine sehr, sehr anspruchsvolle Rolle. Die Gesellschaft ist komplex, die Anforderungen an eine Familie sind hoch, und die Kinder werden in einer Demokratie mit einem liberalen Erziehungsstil groß. Sie sind selbstbewusst und möchten mitreden. Das alles gleichermaßen gut zu bewältigen, ist nicht einfach. Dennoch gelingt das etwa drei Vierteln der Eltern, das zeigen Studien, ganz gut. Aber bei etwa 15 bis 25 Prozent der Elternhäuser gibt es echte Probleme, die sogar schwerwiegender sind als früher, weil es heute so stark auf die persönlichen Kompetenzen der Eltern ankommt. Hier mit Förderprogrammen anzusetzen, ist die große Herausforderung.

Wie können wir diese Eltern erreichen?

Indem wir alle Eltern ansprechen, weil die Angebote sonst als diskriminierend oder sogar stigmatisierend empfunden werden. Solche Kurse oder Trainings sollte es in Vorschuleinrichtungen selbst geben, aber auch in Familienzentren oder Stiftungen. Am besten verbindet man sie mit Anreizen, etwa in Form von Eintrittskarten in Bäder oder Konzerte.

Sie sprachen von drei Vierteln und einem Viertel. Man könnte auch festhalten, wir haben die Helikoptereltern auf der einen Seite, die ihre Kinder mit Frühchinesisch drangsalieren, und dann haben wir desinteressierte und überforderte Eltern auf der anderen Seite. Kann es sein, dass wir für frühe Bildung noch nicht das richtige Maß gefunden haben?

Das kann sein. Allerdings wissen wir nicht genau, wie viele Helikoptereltern es gibt; wir schätzen um die zehn Prozent, also nicht sehr viele. Deren Verhalten ist eindeutig überdreht, aber es richtet auch keinen massiven Schaden an. Zugleich zeigt dieses Beispiel: Auch für diese Eltern wären Kurse und Beratung wichtig. Ihnen Hinweise zu geben, welche Förderung angemessen und wie mit Konflikten umzugehen ist, das nützte allen Eltern. Insofern ist auch die Arbeit der IMPULS Stiftung ein bemerkenswertes Angebot, von dem es mehr geben sollte.

In Ihrem neuen Buch listen Sie neun Kompetenzen für einen erfolgreichen Schulbesuch auf. Welche sind das?

Im Wesentlichen geht es um das Erziehungsdreieck von Anregung, Anerkennung und Anleitung. Ein Kind muss von seinen Eltern stimuliert werden (Anregung). Es muss vermittelt bekommen, dass es schon sehr viel kann (Anerkennung); zugleich braucht es das Signal: Du kannst noch mehr, und ich helfe Dir dabei (Anleitung). Das richtig zu dosieren, ist die hohe Kunst.

Was raten Sie jungen Eltern – wo können sie sich am einfachsten orientieren, um bei der Erziehung das Beste für ihr Kind zu erreichen?

Das ist ein kritischer Punkt. Eltern müssen heute richtig gute Verbraucher sein, auch in dieser Hinsicht. Es gibt viel; der Markt ist unübersichtlich und nicht alles davon ist gut. Deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Kindergärten, Schulen und Familienzentren oder Familienbildungsstätten, also kommunalen Einrichtungen, so wichtig. Dieser Kontakt muss eng sein.

Sind solche Programme für alle finanzierbar?

Auch das ist ein sehr kritischer Punkt. Wenn Eltern für ihre eigene Fortbildung Geld bezahlen müssen, stößt das sehr schnell an Grenzen. Ist dann nur für eine kleine Gruppe möglich; meist sind das die ohnehin schon motivierten und aktiven Eltern. Deshalb sollte man nicht für solche Kurse bezahlen müssen, sondern umgekehrt sogar einen finanziellen Anreiz für die Teilnahme erhalten. Davon sind wir leider noch sehr weit entfernt. Stattdessen haben wir in den letzten Jahren Betreuungsgeld bezahlt - ein völlig irrwitziges Instrument, von dem wir immer wussten, dass es sogar kontraproduktiv ist. Besser wäre, die Eltern in ihrer Rolle zu unterstützen und zu trainieren.

Stoßen dann nicht Programme, wie sie die IMPULS Stiftung anbietet, genau in die Lücke, die es dringend zu schließen gilt, um mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen?

Absolut. Auch die Kombination aus öffentlichen Mitteln und privaten Spenden halte ich für sehr sinnvoll. Solche Angebote zu machen, dabei nachzudenken, welche Anreize unterschiedliche Gruppen von Eltern brauchen, das ist die Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Ich sehe noch viele weitere Möglichkeiten und Formen; wir könnten nach erfolgreicher Teilnahme an Kursen zum Beispiel einen Elternführerschein ausstellen. Da ist noch viel denkbar; wir sollten über solche und andere Neuerungen offen diskutieren.

Interview: Friederike Bauer